- Digitalisierung & Modernisierung
Von der Krise zur Dauerbaustelle – mit Hoffnung
Zehn Jahre AWV-Projektgruppe Arbeitsmarktintegration
vonFriedrich Ebner (Ministerialdirigent a.D.) und Prof. Dr. Ulrich Gartzke (THWS)
Adobe Stock / Pressmaster
„Wir schaffen das!“ Als Angela Merkel im Sommer 2015 diesen Satz aussprach, ahnte vermutlich niemand, dass diese drei Worte nicht das Ende, sondern den Anfang einer Geschichte markieren würden. Eine Geschichte, die zehn Jahre später noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
„Wir schaffen das“ – Aber wer ist „Wir“?
Wer genau „Wir“ sein sollte und was genau zu geschafft sei, blieb damals bewusst offen. Vielleicht war das auch gut so.
Denn zu „Wir“ gehörte auch eine Gruppe von Menschen, die man nicht unbedingt im Rampenlicht vermuten würde: Verwaltungsexperten, Behördenvertreter, Kammerspezialisten, Wissenschaftler und engagierte Praktiker. Ihr Beitrag zum großen „Wir schaffen das“ sollte konkret, pragmatisch und nachhaltig sein – auch wenn sie dabei schnell lernen mussten, dass Integration kein Sprint ist, sondern ein Marathon.
Als die Verwaltung an ihre Grenzen kam – und darüber hinaus
Im Spätsommer 2015 herrschte in deutschen Behörden der Ausnahmezustand. Die Verwaltungen auf allen Ebenen waren stark gefordert, zum Teil überfordert. Registrierung, Unterbringung, Versorgung – die gewohnten Strukturen funktionierten vielerorts nicht mehr. Was sich in diesen Monaten zeigte, war mehr als nur eine logistische Herausforderung: Es war auch ein kultureller Wendepunkt. Verwaltungen, die traditionell auf Autonomie und Selbstgenügsamkeit bedacht waren, mussten lernen, Hilfe anzunehmen und in den Dialog zu gehen.
Empathie, Hilfsbereitschaft und Engagement aus der Zivilgesellschaft, von NGOs, Kirchen, Feuerwehren und Hilfswerken fingen vieles auf, was sonst in chaotische Zustände abgeglitten wäre. Schulen, Kindergärten, caritative Einrichtungen, Vereine und Verbände stellten ihre Ressourcen zur Verfügung. Ehrenamtliche wurden zu den stillen Helden einer Krise, die niemand so kommen sehen hatte.
Die AWV macht sich auf den Weg
In diesem Umfeld entschied die AWV nicht nur zuzuschauen, sondern aktiv Teil der Lösung zu werden. Bereits am 3. Dezember 2015 organisierten Dr. Joey-David Ovey und Prof. Dr. Ulrich Gartzke aus dem Arbeitskreis 1.6 „Bürokratieentlastung und Digitalisierung“ im damaligen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einen Workshop unter dem Titel „Partizipative Governance: Verwaltung, Wirtschaft und Engagierte in der Integrationsarbeit“.
Das Interesse war überwältigend. Schnell wurde klar: Dieses Thema verlangt nach mehr als einer einmaligen Veranstaltung. Es braucht eine kontinuierliche Plattform, einen Ort des regelmäßigen Austauschs. So entstand Ende 2015 die Idee zur Gründung der AWV-Projektgruppe 1.6.2 „Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Asylbewerbern“ – mit einem klaren Fokus darauf, was nach der akuten Krisenbewältigung kommen musste: die nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt.
Denn nach den ersten Monaten der Notversorgung wurde eine Frage immer drängender: Was kommt danach? Wie können Menschen, die bleiben werden, so integriert werden, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen – und zudem auch dem steigenden Fachkräftemangel Deutschlands entgegenwirken können?
Ein Netzwerk entsteht - Vom Bundeskanzleramt bis zur Ehrenamtsinitiative
Bereits die erste Sitzung der Projektgruppe am 12. Mai 2016in Berlin unter Moderation der Autoren zeigte: Das Interesse war enorm. Vertreterinnen und Vertreter vom Bundeskanzleramt bis zu ehrenamtlichen Initiativen meldeten sich an. Das Bundeswirtschaftsministerium war dabei, die Bundesagentur für Arbeit, Landesministerien, Jobcenter, die DIHK, der ZDH, IHKs und Handwerkskammern. Hinzu kamen NGOs, Flüchtlingsorganisationen, Kirchen, soziale Verbände, Universitäten und wissenschaftliche Institute.
Im Laufe der Zeit wuchs die Teilnehmerliste auf über 200 Personen. Bei den Sitzungen – ob in Präsenz oder später online – fanden sich regelmäßig 40 bis 50 Menschen zusammen. Das Besondere: Alle begegneten sich auf Augenhöhe. Ministerialbeamte saßen neben ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern, die IHK-Expertin neben dem kommunalen Integrationsbeauftragten. Experten aus Jobcentern erläuterten Politikern, welche Gesetze und Verordnungen sich in der Praxis umsetzen ließen und wo es im Alltag Hemmnisse gab.
Diese Zusammensetzung war Gold wert. Denn sie ermöglichte etwas, was im deutschen Verwaltungsalltag oft zu kurz kommt: echten, offenen Austausch. Probleme konnten angesprochen werden, ohne dass jemand befürchten musste, sein Gesicht zu verlieren. Lösungen, die an einem Ort funktionierten, konnten an anderen Orten der Republik ausprobiert werden. Niemand musste das Rad neu erfinden.
Die Erkenntnis - Es wird kompliziert
Sehr schnell wurde in der Projektgruppe klar: Die Heterogenität der Geflüchteten ist enorm. Vom Analphabeten bis zum Hochschullehrer, vom Tagelöhner bis zum selbstständigen Unternehmer – die Bandbreite war gewaltig. Entsprechend vielfältig mussten auch die Lösungsansätze sein.
Ein zentrales Thema kristallisierte sich früh heraus: die Sprache. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellte kontinuierlich seine Integrations- und Sprachkurse vor, nahm Anregungen aus der Projektgruppe mit und versuchte, sein Angebot zu verbessern. Doch schnell zeigte sich ein Problem: Das Standardsprachniveau B1, das die Kurse vermittelten, reichte für Helfertätigkeiten vielleicht aus – für die duale Ausbildung schon nicht mehr, und für qualifizierte Fachkräftetätigkeiten erst recht nicht.
Die Projektgruppe diskutierte, wie Sprachkurse besser an die Lebensumstände der Geflüchteten angepasst werden können. Wie können Online-Angebote geschaffen werden? Wie kann die Sprachverbesserung in der Ausbildung und im Arbeitsalltag unterstützt werden? Wie und wann können jobspezifische Begriffe gelehrt werden? Innovative Projekte von Sprachschulen, Ausbildungseinrichtungen und Kammern sowie engagierten Arbeitgebern wurden vorgestellt und als gute Beispiele ins Netzwerk übernommen.
Doch ein Kernproblem blieb: Wer bereits arbeitete und sein Deutsch verbessern wollte, findet kaum passende Teilzeitangebote. Gerade dieser Personenkreis wäre besonders erfolgversprechend, aber das System ist nicht auf ihn zugeschnitten.
Das Qualifikations-Puzzle - Wenn Zeugnisse fehlen oder nicht passen
Ein weiteres Dauerthema war die Feststellung und Anerkennung von Qualifikationen. Viele Geflüchtete konnten ihre Ausbildung oder Berufserfahrung nicht nachweisen – entweder, weil es in ihren Heimatländern keine entsprechenden Dokumente gab oder weil diese auf der Flucht verloren gegangen waren.
Selbst wenn Nachweise vorhanden waren, entsprachen diese oft nicht deutschen Standards. Bei Akademikerinnen und Akademikern waren die Hürden besonders hoch: erheblicher Zeitaufwand, Kosten, unklare Zuständigkeiten zwischen Behörden und Kammerorganisationen, Personalmangel in den prüfenden Stellen. Je qualifizierter die Ausbildung, desto länger die Warterei.
Das Paradoxe: Während hochqualifizierte Geflüchtete auf Anerkennungsbescheide warteten, rutschten viele in Jobs unterhalb ihrer Qualifikation. Der syrische Ingenieur als Lagerarbeiter, die ukrainische Lehrerin als Verkäuferin. Und dort blieben sie oft hängen – aus dem Blickfeld der Fördermaßnahmen verschwunden, für den deutschen qualifizierten Arbeitsmarkt als Fachkräfte verloren.
Einen Lichtblick gab es immerhin: Die Bertelsmann Stiftung und die Bundesagentur für Arbeit entwickelten ein Verfahren namens MYSKILLS, um handwerkliche Qualifikationen theoretisch abzufragen. Für akademische Berufe blieb die Situation deutlich schwieriger.
Geflüchtete Frauen - Das ungenutzte Potenzial
Ein Thema, das die Projektgruppe über alle zehn Jahre begleitete, war die Integration von geflüchteten Frauen. Trotz vieler guter Ansätze und großer Bemühungen, gerade auch von ehrenamtlichen Initiativen, blieben geflüchtete Frauen bei der Arbeitsmarktintegration weit unterrepräsentiert.
Die Gründe waren vielfältig: Bei Frauen aus islamisch geprägten Ländern spielten oft kulturelle Widerstände eine Rolle. Bei ukrainischen Frauen waren es eher strukturelle Probleme: fehlende Kinderbetreuungsplätze, unflexible Sprachkursangebote, unzureichender Wohnraum. Trotz guter Ausbildung, hoher Qualifikationen und langjähriger Berufserfahrung verhinderten äußere Umstände eine zügige Eingliederung in den qualifizierten Arbeitsmarkt.
Dabei wurden inspirierende Projekte vorgestellt: Das Projekt „FEMentoring“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin unterstützte geflüchtete Frauen erfolgreich bei der Existenzgründung. Die Initiative „Selbstständiger Immigrantinnen e.V.“ bot seit 1990 Qualifizierungs- und Coachingangebote für Frauen mit Migrationshintergrund an. Doch flächendeckende Erfolge blieben aus.
Good Practices - Wenn's funktioniert, dann richtig
Bei aller Problemanalyse, die Projektgruppe war kein Jammerclub. In jeder Sitzung wurden gute Beispiele vorgestellt, die andernorts übernommen und angepasst werden konnten.
Da war die „One-Stop-Agency“ der Stadt Düsseldorf: eine zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete, in der alle zuständigen Ämter, das Jobcenter, die IHK und die Handwerkskammer vertreten sind. Statt von Behörde zu Behörde zu laufen, können Geflüchtete hier alle Fragen klären und direkt Hilfestellung für den Weg in Ausbildung und Arbeit bekommen. Das Konzept verbreitete sich in zahlreichen Kommunen.
Oder „oikos“, die Ausbildungsoffensive Hauswirtschaft des Diakonischen Werks Württemberg: eine qualifizierte vierjährige duale Ausbildung, die auch Sprachförderung und Integration umfasste. Obwohl die staatliche Förderung eingestellt wurde, läuft die Ausbildung seit 2020 als reguläre duale Ausbildung an vier Berufsschulen in Baden-Württemberg weiter.
Ein besonderer Erfolg war die „ReDI School of Digital Integration“, die im Februar 2016 in Berlin gegründet worden war und von der AWV in der Anfangsphase unterstützt wurde. Die gemeinnützige Technologie-Schule vermittelt IT-affinen Geflüchteten kostenlos digitale Fähigkeiten, bietet Bewerbungstrainings an und vernetzt Studierende mit Mentorinnen und Mentoren aus der Tech-Branche. Rund 100 Unternehmen sind Partner, viele stellen ehrenamtliche Lehrkräfte. 2025 wurde die ReDI School beim Wettbewerb „Zusammen wachsen: Gute Ideen für Integration am Arbeitsmarkt“ ausgezeichnet.
Juni 2018 - Barcamp „Zwischen Steve Jobs und Jobcenter“
Im Juni 2018 wagte die Projektgruppe ein Experiment: Statt der üblichen Fachkonferenz organisierte sie gemeinsam mit der ReDI School ein Barcamp zum Thema „Unternehmensgründungen für Neuangekommene in Deutschland“. Das Format war bewusst anders gewählt worden: offen, partizipativ, auf Augenhöhe.
Über dreißig Teilnehmer aus Jobcentern, Ministerien, Beratungsstellen, freien Trägern, Hochschulen und Wirtschaft kamen zusammen. Und das Besondere: Mehrere Geflüchtete, die bereits gegründet hatten oder gründungsinteressiert waren, brachten sich aktiv ein. Sie konnten aus erster Hand berichten, vor welchen bürokratischen Hürden sie standen.
Das Barcamp identifizierte neun zentrale Problemfelder: von Finanzierungsschwierigkeiten über fehlende Deutschkenntnisse bis zu komplizierten aufenthaltsrechtlichen Fragen. In selbst organisierten „Sessions“ diskutierten die Teilnehmer über Lösungen: Wie können Jobcenter Gründungen besser unterstützen? Welche Rolle spielen Unternehmensnachfolgen? Wie können Qualifikationen besser und schneller anerkannt werden? Welche Möglichkeiten gibt es zur Finanzierung?
Dezember 2019: Pause – oder doch Ende?
Nach zwölf intensiven Präsenzsitzungen beschloss die Projektgruppe im Dezember 2019, ihre Arbeit zunächst zu beenden. Die Vielfalt der behandelten Themen, die Vorstellung wissenschaftlicher Studien, die Präsentation guter Beispiele – all das hatte in vier Jahren ein solides Fundament geschaffen. Nun sollten die Erkenntnisse in die Praxis vor Ort umgesetzt werden.
Als Abschluss gab die AWV im September 2020 ein Handbuch für Praktiker aus öffentlicher Verwaltung, Kammern und Zivilgesellschaft zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten heraus1, ein wichtiger Meilenstein in der Wissensaufbereitung.
Das Netzwerk blieb bestehen, der horizontale und vertikale Informationsaustausch etabliert. Aber die Zeit der gemeinsamen Sitzungen schien vorbei.
März 2022: Die zweite Welle – und alte Bekannte
Dann kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ab März 2022 strömten erneut Hunderttausende Menschen nach Deutschland. Die AWV beschloss im Mai 2022, die Projektgruppe zu reaktivieren.2 Mitte Juli 2022 fand die erste Webkonferenz statt. Der Zuspruch war wie in der ersten Phase enorm.
Doch die Ausgangslage war eine andere. Die Ukrainerinnen und Ukrainer kamen unter völlig anderen rechtlichen Bedingungen: Die EU-Massenzustrom-Richtlinie gewährte temporären Schutz für bis zu drei Jahre, ohne Asylverfahren, mit sofortiger Arbeitserlaubnis. Die Hoffnung war groß: Bessere Ausbildung, höhere Qualifikationen, weniger kulturelle Anpassungsprobleme. Die Integration müsste doch schneller gehen als 2015, oder?
Pustekuchen. Schnell zeigte sich: Trotz besserer Startbedingungen tauchten die alten „Baustellen“ wieder auf. Mangelnde Deutschkenntnisse waren auch bei den Ukrainerinnen und Ukrainern die zentrale Hürde, außer in IT-Berufen und Ingenieurwissenschaften, wo Englisch oft ausreichte. Dazu kamen neue Probleme: Die Ungewissheit, wie lange sie bleiben würden. Die Frage, was nach März 2026 geschieht, wenn die Massenzustrom-Richtlinie ausläuft. Fehlende Kindergarten-, Schul- und Betreuungsplätze. Die Wohnungssituation.
Hinzu kam die „Corona-Kohorte“: Geflüchtete aus den Jahren 2018 bis 2022, deren Integration wegen ausgefallener Sprachkurse und der schlechten wirtschaftlichen Lage während der Pandemie ins Stocken geraten war.
Der „Job-Turbo“ - Wenn Politik Tempo will
Im Oktober 2023 präsentierte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit den „Job-Turbo“ – ein Konzept, um Geflüchtete nach dem ersten Sprachkurs deutlich schneller in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Im Februar 2024 wurde das Programm ausführlich in der Projektgruppe vorgestellt.3
Die Idee klang gut: zielgerichtete, schnelle Vermittlung, intensive Zusammenarbeit aller Akteure, ein 3-Phasen-Modell. Doch die Praxis, wie zwei Jobcenter im September 2024 berichteten, sah anders aus. Die Jobcenter, oft personell unterbesetzt, wurden durch die zusätzlichen Anforderungen und die geforderte Geschwindigkeit über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus belastet. Zeitintensive Absprachen, neue Prozesse, ständige Erreichbarkeit der Geflüchteten – all das kostete Ressourcen, die woanders fehlten.
Dennoch: Der „Job-Turbo“ und die vielen anderen Maßnahmen aller Beteiligten zeigen mittlerweile Wirkung. Die Quote der in den Arbeitsmarkt integrierten Ukrainerinnen und Ukrainer stieg von knapp 20 Prozent Mitte 2024 auf 50 Prozent Mitte 2025. Zum Vergleich: Bei den Geflüchteten aus den Jahren 2015 bis 2018 lag die Quote Mitte 2024 bei 42 Prozent – nach fast zehn Jahren. Bei Männern lag sie sogar bei 62 Prozent.
Diese Zahlen zeigen zweierlei: Erstens funktioniert beschleunigte Integration, wenn man genug Ressourcen reinsteckt. Zweitens es ist ein Marathon, kein Sprint.
Neue Horizonte - Migrantische Gründungen
In einer Sondersitzung wagte sich die Projektgruppe erneut an das Thema, das in der ersten Phase nur am Rande aufgetaucht war: Selbstständigkeit und migrantische Gründungen. Zusammen mit der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt wurde das Potenzial ausgelotet und es ist beachtlich.4
Migrantische Gründungen schaffen Arbeitsplätze, fördern Innovationen, stärken die wirtschaftliche Vielfalt. Doch die Hürden sind hoch: aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten, schwierige Finanzierung, undurchschaubare Bürokratie, fehlende mehrsprachige Informationen. Die Rahmenbedingungen in Deutschland sind nicht optimal – dabei wird Selbstständigkeit in vielen Herkunftsländern deutlich positiver wahrgenommen.
Ein Lichtblick: Das Programm „BBBwelcome“ der BBB-Bürgschaftsbank Berlin-Brandenburg bietet Geflüchteten mithilfe von Ausfallbürgschaften erleichterten Zugang zu Gründungsfinanzierungen. Das Berliner Modell könnte als Blaupause für andere Bundesländer dienen.
Die persistenten Baustellen - Was bleibt zu tun?
Nach zehn Jahren Projektgruppenarbeit lässt sich eine ernüchternde Bilanz ziehen: Viele der 2015 identifizierten Probleme bestehen weiterhin. Manche wurden gelindert, nur wenige wurden vollständig gelöst.
- Spracherwerb bleibt die Hürde Nummer eins. Das BAMF hat seine Kapazitäten zwischenzeitlich ausgebaut, musste sie während Corona aber wieder reduzieren. Die Zahl der B1- und B2-Zertifikate ist gesunken, weiterführende Kurse (C1, C2) gibt es kaum. Flexible Teilzeitkurse, die dringend für bereits arbeitende Geflüchtete nötig wären, fehlen weitgehend.
- Bürokratische Hürden wurden eher mehr als weniger. Sich häufig ändernde Vorschriften, komplexe Verwaltungsabläufe, papierbasierte Formularfluten, fehlende Digitalisierung und Personalmangel sorgen weiterhin dafür, dass die Arbeit der zuständigen Verwaltungen von potentiellen Arbeitgebern und arbeitswilligen Migrantinnen oftmals als langwierig und wenig flexibel wahrgenommen wird. Gleichwohl haben sich viele Behörden aufgemacht, ihre Prozesse zu verbessern.
- Anerkennung von Qualifikationen dauert oft Jahre. Die Vielzahl der Zuständigkeiten, fehlendes qualifiziertes Personal, unklare Prozesse – all das führt dazu, dass hochqualifizierte Menschen in Jobs weit unterhalb ihres Potenzials arbeiten. Und dort verbleiben, weil sie aus dem Blickfeld der Fördermaßnahmen verschwinden.
- Arbeitsmarktintegration von Frauen bleibt eine Herausforderung. Ob kulturelle Widerstände oder strukturelle Defizite wie fehlende Kinderbetreuung – die Hürden sind hoch, die Erfolge bescheiden.
Wissenschaft schafft Erkenntnis – aber ändert es was?
Ein Verdienst der Projektgruppe war es, wissenschaftliche Studien zur Arbeitsmarktintegration einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ab Mitte 2017 wurden regelmäßig Studien von Instituten, Hochschulen, Stiftungen, dem Deutschen Landkreistag und der DIHK vorgestellt. Sie zeigten nicht nur Zahlen und Statistiken sondern Wege auf, wie Integration effizienter gestaltet werden könnte, gaben Anregungen zur Überprüfung eigener Ansätze.
Eine zentrale Erkenntnis: Die Integrationserfolge verschiedener Flüchtlingsgruppen ähneln sich trotz unterschiedlicher Ausgangslagen verblüffend. Zeit und Aufwand sind entscheidend, nicht die Herkunft. Das ist ermutigend und frustrierend zugleich. Denn es zeigt: Wir wissen, was zu tun ist. Wir tun es nur nicht konsequent genug.
Gesetzesänderungen - Gut gemeint, schwer umzusetzen
Ab 2017 wurden Asyl- und Aufenthaltsrecht mehrfach novelliert. Die Änderungen verbesserten die Chancen integrationswilliger Geflüchteter, aber sie belasteten auch die zuständigen Ämter erheblich. Verordnungen und Ausführungsbestimmungen wurden in kurzen Abständen verändert. Das Personal konnte kaum mithalten. Das Ergebnis: Verunsicherung, Verzögerungen, hohe physische und psychische Belastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die Projektgruppe diskutierte Gesetzesanpassungen, brachte Erkenntnisse aus der Praxis ein. Wenn Diskussionsergebnisse in die Änderungen einflossen, war das ermutigend. Aber oft genug blieb das Gefühl: Die Politik macht Gesetze, die Verwaltung soll sie irgendwie umsetzen – und die Projektgruppe darf zusehen, wo es klemmt.
Das Fazit - Ein Marathon ohne Ziellinie?
Zehn Jahre Projektgruppe 1.6.2 – was bleibt? Ein dichtes Netzwerk von über 200 engagierten Akteuren. Ein funktionierender horizontaler und vertikaler Informationsaustausch. Ein Handbuch für Praktiker. Hunderte Stunden intensiver Diskussionen. Dutzende vorgestellter Good Practices. Unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse, die in die Breite getragen wurden.
Und eine bittere Einsicht: Arbeitsmarktintegration ist kein Projekt mit Anfang und Ende. Es ist eine Daueraufgabe, die Ausdauer, Willen, Anstrengung und einen sehr langen Atem erfordert.
Die Teilnehmenden der Projektgruppe haben diesen langen Atem bewiesen. Sie sind nicht müde geworden, Wissen auszutauschen, Probleme anzusprechen, Lösungen zu diskutieren, gute Beispiele zu teilen. Sie haben dafür gesorgt, dass nicht jede Kommune, jedes Jobcenter, jede Initiative das Rad neu erfinden muss.
Ob „wir es geschafft“ haben, wie Angela Merkel es sich vorgestellt hat? Die ehrliche Antwort lautet: „Noch nicht“. Vielleicht auch nie ganz. Denn mit jedem gelösten Problem tauchen neue auf. Mit jeder Flüchtlingswelle ändern sich die Rahmenbedingungen.
Aber die Projektgruppe hat etwas anderes geschafft: Sie hat gezeigt, dass ebenenübergreifender Dialog funktioniert. Dass Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Dass man voneinander lernen kann, wenn man bereit ist, sich offen und auf Augenhöhe auszutauschen. Der Dank gilt den vielen Akteuren, die an dieser Projektgruppe mitwirken, sich Zeit nahmen und nehmen, Wissen teilen, kluge Fragen stellen, auf Probleme frühzeitig hinweisen und kreative Lösungen entwickeln. Dabei ist die Projektgruppe auch stets offen für neue Teilnehmende, Themen und gute Beispiele aus der Praxis.
Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der AWV, ohne deren organisatorischen Fähigkeiten, ohne deren stete Hilfe und Bereitschaft und ohne deren Kreativität, ihrem Wissen und Können die Projektgruppe die zehn Jahre nicht überdauert hätte.
Dank gilt auch der Leitung der AWV, die die Projektgruppe immer wohlwollend begleitet hat.
Die AWV-Projektgruppe 1.6.2 „Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Asylbewerbern“ plant noch weiterzuarbeiten. Denn die Themen gehen nicht aus und die Teilnahmezahlen sind weiterhin auf einem hohen Niveau. Der Fachkräftemangel bleibt. Die Zuwanderung bleibt. Die Notwendigkeit, Menschen so zu integrieren, dass sie sich hier wohlfühlen und ihr Potenzial entfalten können, bleibt.
Die nächste Sitzung findet am Donnerstag, den 26. Februar 2026, von 10 bis 13:30 Uhr als Webkonferenz statt.
Es erwarten Sie fundierte Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven sowie ein lebendiger fachlicher Austausch innerhalb der Projektgruppe.
Wir bitten um Ihre Anmeldung bis spätestens 20. Februar 2026 über folgenden Link: → https://forms.cloud.microsoft/e/xsHGfzwuA4
1 https://www.awv-net.de/publikationen-produkte/publikationen/detailseite/arbeitsmarktintegration-von-gefluechteten
2 https://www.awv-net.de/aktuelles-veranstaltungen/aktuelles/news/gremium-nimmt-arbeit-wieder-auf-know-how-zur-integration-wird-angepasst
3 https://www.awv-net.de/aktuelles-veranstaltungen/aktuelles/news/mit-dem-job-turbo-schneller-und-nachhaltiger-in-arbeit
4 https://www.awv-net.de/publikationen-produkte/publikationen/detailseite/sprungbrett?tx_brochureshop_detail%5Bdownload%5D=1&cHash=d365160d0d7247e927c2450bd9d407ef
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