- Digitalisierung & Modernisierung
(Un)transformierbar? Zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz
Die AWV war 2026 erneut Medienpartner der MEMO-Tagung in Münster
Adobe Stock / vegefox
Am 4. und 5. Mai 2026 kamen Fach- und Führungskräfte aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zur MEMO-Tagung in Münster zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen im E-Government auszutauschen. Die AWV ist bereits seit Jahren Medienpartner der Veranstaltung.
„Künstliche Intelligenz: Steuert sie uns oder steuern wir sie?“– mit dieser Frage eröffnete Professor Jörg Becker, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Informationsmanagement an der Universität Münster, die diesjährige MEMO-Tagung auf dem Leonardo-Campus. Unter dem Titel „(Un)transformierbar? Zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz“ widmete sich die als Fachtagung für Methoden und Werkzeuge zur Verwaltungsmodernisierung konzipierte Veranstaltung den Chancen und Risiken einer Technologie, die unsere Arbeits- und Lebenswelt grundlegend verändert.
Keynote
Dr. André Göbel, Präsident der FITKO, eröffnete die inhaltliche Auseinandersetzung in seiner inspirierenden Keynote mit einer ersten Einordnung der Thematik. Es sei an der Zeit, die „digitale Dividende“ zu heben. Auf diesem Weg sei die Bündelung von Aufgaben im neuen Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) ein ebenso wichtiger Schritt wie die Modernisierungsagenda des Staates sowie die Föderale Digitalstrategie, die Bürger, Wirtschaft, Verwaltung und Politik gleichermaßen im Blick habe. Gleichzeitig dämpfte er voreilige Erwartungen. Es seien tiefgreifende Strukturen, die in Deutschland im Zuge der Digitalisierung verändert werden müssten. Dies brauche Zeit, auch wenn der IT-Planungsrat intensiv an Maßnahmen zur Beschleunigung arbeite. Wichtig sei zudem, dass Digitalisierung zukünftig stärker legislaturübergreifend gedacht und umgesetzt werde. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und dem daraus resultierenden Fachkräftemangel sah er große Chancen und appellierte anschließend an die Teilnehmenden: Die Menschen müssten auf dem Weg der technologischen Entwicklungen mitgenommen werden, denn „Wir schaffen es nur gemeinsam“, so Göbel.
Untransformierbar?
Tobias Brandt, Professor für Digital Innovation and the Public Sector an der WWU Münster und Mitorganisator der Tagung, stellte seinem Vortrag „Untransformierbar? Wie wir digitalisierte öffentliche Verwaltung neu denken müssen“ zunächst die Ergebnisse des SMARD Gov-Projekts, einer Analyse von rechtlichen, technischen und organisatorischen Anforderungen an Large Language Models (LLM) für Behörden voran. Demnach könne die KI bei eindeutigen „Schwarz-Weiß-Entscheidungen“ Gutes leisten, bei Fragestellungen die einen Ermessungsspielraum böten, sei der Einsatz deutlich schwieriger, sodass die Studienteilnehmer KI eher als Unterstützung sehen: Alles Wichtige müsse geprüft werden und letztlich müsse der Mensch entscheiden. Brandt kritisierte anschließend einen pessimistischen Grundton, der in Deutschland in den Medien vorherrsche, Bedenken und Ängste schüre und wenig hilfreich sei, wenn es darum gehe, einen grundlegenden Wandel zu gestalten. „It‘s a Change, but more than a Change“ – dieses Zitat beschreibe die aktuelle Situation hervorragend. Die digitale Transformation brauche ein solides Fundament aus Daten, Architekturen und Standards, doch aktuell sei zu beobachten, dass sich gewachsene Strukturen, eine analog gedachte Gesetzgebung, Föderalismus und mangelnde Innovationsbereitschaft als Hemmnisse gegenseitig verstärken. Mit dem Bild des Vogels Phönix, aus Asche auferstanden, plädierte er für einen „Digital Rebirth“, der bei allen Aufgaben einer dreistufigen Logik folge: Purpose > Strukturen > Prozesse. Technologien dürften dabei nicht zum Selbstzweck werden, sondern seien als Mittel zur bestmöglichen Unterstützung zu sehen.
Podiumsdiskussion: Aufbruch statt Beharrung
Unter der Überschrift „Aufbruch statt Beharrung – Gemeinsam Kurs wechseln“ diskutierten Anika Groß (KGSt), Dr. Julia Hodapp (TH Köln), Zehra Öztürk (Senatskanzlei Hamburg) und Stefan Sander (Stadt Wuppertal), moderiert von Guido Gehrt (Behördenspiegel), die Frage, wie eine digitale Transformation gelingen kann. Die Bilanz für die Arbeit des vor einem Jahr gestarteten BMDS fiel dabei durchwachsen aus: Aktuell gehe es dort zu sehr um „Digitalisierung auf die Schnelle“, die Staatsmodernisierung werde vernachlässigt. Leuchtturmprojekte seien medienwirksam, aber nicht immer die geeigneten Blaupausen für den Einsatz in der Fläche. Vor allem fehle es an Kommunikation mit und zwischen den Ländern und Kommunen. Neben einem guten Nebeneinander aus Top-down- und Bottom-up-Ansatz brauche es vor allem Standards und keine naive Zuversicht, dass KI allein alle Probleme lösen werde.
Kritisch zu sehen sei, dass zu viel Planung und Überlegung auf das Ehrenamt abgeschoben werde. Dies führe immer wieder dazu, dass Einzelne Fachmeinungen in Deutschland formulieren würden. Führung in Unternehmen und Verwaltung müsse Freiräume für das Ehrenamt ermöglichen. Mangelhaft sei auch die Koordination: Zu viele unterschiedliche Netzwerke arbeiteten teilweise an den gleichen Themen. Organisationen wie die „Initiative für den Handlungsfähigen Staat“ könnten hier ansetzen. Einigkeit bestand darin, dass die eigentlichen Treiber der Digitalisierung häufig in der mittleren Verwaltungsebene zu finden sind: engagierte Praktikerinnen und Praktiker, die als „First Mover“ so lange vorangehen, bis andere nachziehen.
Daten als Basis
Unter dem Titel „Garbage in, garbage out?! Gute KI braucht gute Daten“ appellierte Anika Groß (KGSt) an alle in der Verwaltung Tätigen, Datenverantwortung zu übernehmen. Prägnant, erheiternd und erschreckend gleichermaßen war ihr Beispiel eines Google-KI-Overviews, der auf die Frage, wie sich das Herunterlaufen geschmolzenen Käses von der Pizza verhindern lasse, empfahl, dem Käse „non toxic glue“ beizufügen. So eindeutig zeige sich, dass auch die beste KI nur auf einer soliden Datenbasis gute Ergebnisse liefern könne. Es bedürfe eines strategischen, organisatorischen und technischen Rahmens zum Steuern von Daten in Form einer Datengovernance, um ein sinnvolles Datenmanagement zu ermöglichen.
Organisationen im Umbruch
Zehra Öztürk, stellvertretende CIO der Freien und Hansestadt Hamburg, widmete sich in ihrem Vortrag vor allem der Frage, was außer dem eigentlichen technischen Wandel passieren muss, um die digitale Transformation zu einem Erfolgsmodell werden zu lassen. Gefordert sei ein Weg hin zu einem vernetzten Ökosystem aller föderalen Ebenen. Dabei müsse Silodenken aufgelöst und Zusammenarbeit gefördert werden, Prozesse seien radikal neu zu denken und Regeln dürfen sich ändern. KI erkennt Muster, Menschen aber geben ihnen Bedeutung: Daher bleibe menschliche Expertise auch in Zukunft unverzichtbar. Abschließend appellierte Öztürk an die Anwesenden, den aktuellen Umbruch als Chance zu sehen und ihn aktiv zu gestalten.
Agilität und Verwaltung
Dr. Julia Hodapp (TH Köln) erweiterte in ihrem Vortrag den Diskurs um den Aspekt der Agilität, der in einer Umwelt, die sich aktuell deutlich schneller verändere als der eingeübte Habitus von Organisationen, Voraussetzung sei, um Zukunft mitgestalten zu können. Ein agiles Arbeiten beschränke sich dabei nicht auf den Einsatz neuer Methoden. Gefragt seien vielmehr ein Kulturwandel, eine gute Balance zwischen Agilität und Stabilität sowie eine grundsätzlich agile Haltung, kurz: „Being Agile“ statt reinem „Doing Agile“.
Denken in Gemeinsamkeiten
Professor Jörg Becker stellte den Abschlussvortrag der Tagung zur Rolle der KI unter die Überschrift „Staatsmodernisierung: helfen Standards?“. Einen Auszug aus dem für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominierten Buch „Sprachmaschinen: Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“ von Roberto Simanowski nutze er, um noch einmal zu verdeutlichen, dass KI in ihren Ergebnissen Häufigkeiten abbilde, jedoch kein eigenes Denken. Daher sei es wenig sinnvoll, mit dem Verweis auf die Möglichkeiten von KI auf Standards zu verzichten. Am Beispiel des USB-C-Standards für Handy- und Laptop-Ladekabel zeigte er, wie einheitliche Lösungen breiten Nutzen schaffen können. Voraussetzung dafür sei, so sein Plädoyer, ein konsequentes Denken in Gemeinsamkeiten.
Fazit
Die MEMO-Tagung 2026 bot eine Plattform für regen Austausch zwischen Wissenschaft, Unternehmen und Verwaltung. Neben den Hauptvorträgen und Diskussionen wurden in ergänzenden Fachvorträgen praxisnahe Lösungsansätze und Werkzeuge vorgestellt, die besonders in der Kommunalverwaltung nutzbar sind. Die Diskussionen in den Pausen zeigten, dass das Tagungsformat aufgeht und der Austausch zwischen Theorie und Praxis erfolgreich gefördert wird.
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