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Unternehmensnachfolge und Integration

Neue Potenziale für den Mittelstand durch migrantische Unternehmensnachfolge

vonMaria Kiczka-Halit, LOK.a.Motion

Adobe Stock / mangostock

Mit NIU+ erprobt die LOK.a.Motion GmbH ein Modellprojekt, das Unternehmensnachfolge als Gründungsoption für Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung systematisch erschließt. Der Ansatz knüpft an die Ergebnisse des Entwicklungsprojekts, das von Januar bis Juni 2025 durchgeführt wurde, an und wird gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Friedrichshain-Kreuzberg lokal erprobt.

Die Sicherung von Unternehmensnachfolgen zählt zu den zentralen wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre. In Berlin werden bis 2026 rund 8.600 Unternehmensübergaben erwartet. Gleichzeitig ist die Stadt von hoher Vielfalt geprägt: 40,6 Prozent der Bevölkerung hatte 2024 einen Migrationshintergrund, im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lag der Anteil sogar bei 49 Prozent. Hinzu kommt eine ausgeprägte Gründungsdynamik: Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung gründen in Deutschland überdurchschnittlich häufig; ihre Gründungsbereitschaft ist laut Global Entrepreneurship Monitor1 2,5-mal höher als bei Herkunftsdeutschen. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg entfielen 2024 zudem mehr als 50 Prozent aller Gewerbeanmeldungen auf Personen mit Migrationshintergrund. Diese Zahlen verweisen auf ein erhebliches, bislang nur teilweise genutztes Potenzial für die Unternehmensnachfolge.

Dem stehen mehrere Hürden gegenüber. In der Gründungsberatung wird die Übernahme bestehender Unternehmen noch immer deutlich seltener als Option vermittelt als die klassische Neugründung. Vielen Nachfolgeinteressierten fehlen belastbare Netzwerke zu übergabebereiten Unternehmen, Kenntnisse über bestehende Nachfolgeinstrumente oder mehrsprachige und kultursensible Informationsangebote. Hinzu kommen langwierige Anerkennungsverfahren, finanzielle Zugangsbarrieren und sprachliche Anforderungen, die insbesondere in reglementierten Berufen und im Handwerk den Einstieg erschweren. Auf Seiten der übergebenden Unternehmen spielen wiederum Unsicherheiten in Bezug auf Kommunikation, Führungskultur und betriebliche Kontinuität eine Rolle. Unternehmensnachfolge erweist sich damit nicht nur als betriebswirtschaftlicher, sondern in hohem Maße auch als sozialer und kommunikativer Prozess.

Genau an dieser Schnittstelle setzt das Modellprojekt „NIU+ – Newcomer in Unternehmensnachfolge“ an. Träger ist die LOK.a.Motion GmbH, die seit fast 30 Jahren in der Gründungs- und Unternehmensberatung tätig ist und seit rund zehn Jahren gezielt Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet. Aus dieser langjährigen Beratungspraxis entstand die Idee, Unternehmensnachfolge stärker als realistische Gründungsoption für die Zielgruppe zu nutzen. NIU+ ist damit kein isolierter Projektansatz, sondern die konsequente Weiterentwicklung praktischer Erfahrungen aus der Arbeit mit migrantischen Gründer:innen.

Dem Modellprojekt ging, wie eingangs erwähnt, ein Entwicklungsprojekt voraus. In Fachgesprächen, einer Stakeholder-Befragung sowie der Auswertung relevanter Datenquellen wurden gemeinsam mit Expert:innen aus Wirtschaft, Beratung, Verwaltung und Förderung die Herausforderungen für migrantische Nachfolgeinteressierte systematisch analysiert. Das nun vorliegende Modellprojekt überführt diese Ergebnisse in eine praktische Erprobung. Ziel ist es, einen Ansatz zu testen, der Sensibilisierung, Qualifizierung, Beratung Praxisnähe und Netzwerkaufbau sinnvoll miteinander verbindet und daraus übertragbare Strukturen für die Beratungs- und Förderlandschaft ableitet.

Eindrücke aus dem Entwicklungsprojekt im Jahr 2025: Im Austausch mit Expert:innen aus Wirtschaft, Beratung, Verwaltung und Förderung wurden die Herausforderungen für migrantische Nachfolgeinteressierte systematisch analysiert. (Fotos: LOK.a.Motion GmbH)

 

Das Modellkonzept beschreibt Unternehmensnachfolge ausdrücklich nicht nur als wirtschaftlichen Vorgang, sondern als sozialen Aushandlungsraum, in dem Vertrauen, Kommunikation und interkulturelle Anschlussfähigkeit zentrale Erfolgsfaktoren sind. Vor diesem Hintergrund setzt NIU+ auf einen vierphasigen Prozess, der individuelle Bedarfslagen mit strukturellen Anforderungen verbindet. Die Aktivitäten werden nicht additiv nebeneinandergestellt, sondern bauen fachlich und methodisch aufeinander auf: von der ersten Sichtbarkeit des Themas über die individuelle Klärung von Voraussetzungen bis hin zur praxisnahen Vorbereitung und zum Matching mit Betrieben.

  • Phase 1: Sichtbarmachung der Nachfolgeoption
    Durch Informationsformate und Workshops wird die Unternehmensnachfolge als attraktive Option in den Fokus gerückt. Die Teilnehmenden erhalten erste Einblicke und werden für die Thematik sensibilisiert.
  • Phase 2: Erstberatung und Zielklärung
    In einer individuellen Erstberatung werden Kompetenzen, Voraussetzungen und persönliche Ziele der Nachfolgeinteressierten erfasst. Dies bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte.
  • Phase 3: Qualifizierung
    Aufbauend auf den Erkenntnissen der Erstberatung erfolgt eine gezielte Qualifizierung. Diese umfasst betriebswirtschaftliche, rechtliche sowie sprachliche Aspekte, um die Teilnehmenden optimal auf die Unternehmensübernahme vorzubereiten.
  • Phase 4: Praxisnähe und Matching
    Durch Hospitationen, Job-Shadowing und Austauschformate erhalten die Teilnehmenden Einblicke in betriebliche Abläufe und knüpfen erste Kontakte zu Unternehmer:innen. Parallel werden Unternehmen für die Potenziale migrantischer Nachfolge sensibilisiert, um eine realistische Basis für Übergabeprozesse zu schaffen.

Der Übergang von einer Phase in die nächste erfolgt nicht schematisch, sondern orientiert sich am tatsächlichen Entwicklungsstand der Teilnehmenden. Gerade diese Verzahnung ist ein wesentlicher Unterschied zu punktuellen Beratungsangeboten. Das Modellprojekt reagiert damit auf die im Entwicklungsprozess identifizierte Fragmentierung der Berliner Unterstützungslandschaft und versucht, eine durchgängige Begleitung von der ersten Information bis zur konkreten Annäherung an einen Betrieb zu ermöglichen.

Die lokale Erprobung erfolgt in enger Kooperation mit der Wirtschaftsförderung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Diese Partnerschaft ist fachlich naheliegend, weil der Bezirk sowohl eine hohe Dichte kleiner und mittlerer Unternehmen als auch eine ausgeprägte migrationsgeprägte Gründungsdynamik aufweist. Die Wirtschaftsförderung bringt Expertise zur Situation der KMU im Bezirk ein, unterstützt die Kontaktaufnahme zu Unternehmen und trägt dazu bei, die Erprobung in reale wirtschaftliche Strukturen einzubetten. Damit erhält das Modellprojekt eine lokale Verankerung, die für die Praxistauglichkeit des Ansatzes zentral ist.

Zugleich ist NIU+ Teil einer breiteren Förderlogik. Das Projekt wird aus Mitteln der Europäischen Union im Rahmen des Europäischen Sozialfonds Plus sowie durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung gefördert. Es ist eingebettet in die Bezirklichen Bündnisse für Wirtschaft und Arbeit und dem Programm LSI – Lokal, Sozial, Innovativ zugeordnet. Diese Förderstruktur unterstreicht, dass es sich nicht nur um ein wirtschaftsbezogenes, sondern auch um ein sozial innovatives Projekt handelt, das lokale Problemlagen mit übertragbaren Lösungsansätzen verbindet.

Der Mehrwert des Modellprojekts liegt darin, zwei bislang oft getrennt betrachtete Felder produktiv zusammenzuführen: die Sicherung von Unternehmensnachfolge im Mittelstand und die wirtschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Für übergabebereite Unternehmen eröffnet sich dadurch ein zusätzlicher Kreis potenzieller Nachfolger:innen. Für Newcomer wiederum wird eine Form der Selbstständigkeit sichtbar, die auf bestehenden Kundenbeziehungen, eingespielten Abläufen und vorhandenen Marktstrukturen aufbauen kann und damit häufig stabilere Startbedingungen bietet als eine Neugründung ohne betriebliche Basis.

Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der Fachkräftesicherung und der zunehmenden Zahl aus Altersgründen anstehender Unternehmensübergaben gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Nachfolge breiter zugänglich gemacht werden kann. NIU+ liefert hierzu einen praxisbasierten Beitrag. Das Projekt erprobt, wie migrantische Zielgruppen systematisch für Nachfolgeoptionen sensibilisiert, qualifiziert und an Unternehmen herangeführt werden können. Zugleich untersucht es, welche strukturellen Anpassungen in Beratung, Sprache, Anerkennung und Netzwerkaufbau erforderlich sind, damit aus einer guten Idee ein tragfähiger Ansatz der Wirtschaftsförderung wird.

Damit versteht sich NIU+ als Modellprojekt im eigentlichen Sinne: Es setzt die im Entwicklungsprojekt gemeinsam mit Expert:innen erarbeiteten Ergebnisse nicht nur um, sondern überprüft sie unter realen Bedingungen auf ihre Wirksamkeit, Anschlussfähigkeit und Übertragbarkeit. Genau darin liegt seine fachpolitische Relevanz. Es geht nicht nur darum, einzelne Teilnehmende zu begleiten, sondern darum, Erkenntnisse für eine diversitätssensible und zukunftsfähige Ausgestaltung von Unternehmensnachfolge zu gewinnen.

Der Gesamtprozess wird durch einen projektbegleitenden Beirat flankiert, in dem zentrale Akteur:innen aus Wirtschaft, Verwaltung, Beratung und Finanzierung vertreten sind. Der Beirat übernimmt eine wichtige Funktion für die fachliche Reflexion, die Qualitätssicherung sowie die strategische Weiterentwicklung des Ansatzes. Ergänzend werden im Projektverlauf regelmäßig Fachgespräche durchgeführt, in denen relevante Stakeholder und Multiplikator:innen eingebunden werden. Diese Formate dienen dem kontinuierlichen Wissenstransfer, der Rückkopplung praktischer Erfahrungen sowie der gemeinsamen Entwicklung übertragbarer Lösungsansätze. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die im Modellprojekt gewonnenen Erkenntnisse nicht nur im Projektkontext wirksam bleiben, sondern auch für die Weiterentwicklung der Förder- und Beratungsstrukturen nutzbar gemacht werden können.

Weitere Informationen über das Projekt NIU+ finden Sie online unter niuplusberlin.de.

 


1 Der Global Entrepreneurship Monitor: Unternehmensgründungen im weltweiten Vergleich kann über die Website des RKW Kompetenzzentrum als PDF heruntergeladen werden: www.rkw-kompetenzzentrum.de/publikationen/studie/global-entrepreneurship-monitor-2024/2025/

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