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Digitalisierung ist ein zentraler Enabler

Doppel-Interview mit Christian Danner und Nils Pippart, den neuen Leitern des AWV-Arbeitskreises „Verrechnungspreise“

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Christian Danner und Nils Pippart leiten seit Februar den AWV-Arbeitskreises „Verrechnungspreise“. Wir haben die beiden gefragt, wo derzeit die größten fachlichen Herausforderungen für Unternehmen liegen, wo konkreter Handlungsbedarf im Bereich Verrechnungspreise besteht, welche Schwerpunkte sie künftig im Arbeitskreis setzen möchten und wie sie die Zusammenarbeit mit dem AWV-Unterarbeitskreis „Operational Transfer Pricing“ sehen.

Die nationalen und internationalen Rahmenbedingungen für Verrechnungspreise sind in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden – Stichworte OECD (insb. Two Pillar Approach) und zunehmende nationale Dokumentationsanforderungen. Wo sehen Sie aktuell die größten fachlichen Herausforderungen für Unternehmen?

Christian Danner: Die größten fachlichen Herausforderungen für Unternehmen liegen derzeit in der deutlichen Zunahme der globalen und nationalen Complianceanforderungen. Die internationale Steuerlandschaft wird durch Initiativen wie den Two Pillar Approach der OECD immer komplexer. Parallel dazu steigen nationale Dokumentationsanforderungen wie die Verpflichtung zur Vorlage von Transaktionsmatrizen, was die Unternehmen vor erhebliche organisatorische und inhaltliche Zusatzaufwände stellt.

Gleichzeitig verschärft sich der Budgetdruck, dem Unternehmen gerecht werden müssen. Es wird immer anspruchsvoller, die steigenden Anforderungen an Transparenz zu erfüllen und gleichzeitig effiziente Prozesse sicherzustellen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, eine hohe Konsistenz der nach außen berichteten Daten zu gewährleisten. Die Sicherstellung einheitlicher Informationen über verschiedene Berichtssysteme hinweg wird mehr und mehr zu einem zentralen Risikofaktor, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden internationalen Abstimmungsanforderungen.

Unternehmen stehen damit vor der Aufgabe, komplexe steuerliche Vorgaben umzusetzen, die internen Ressourcen effizient zu steuern und zugleich eine belastbare und harmonisierte Datenbasis zu schaffen. Diese Herausforderungen erfordern ausgereifte Compliance-Strukturen, eine enge Abstimmung zwischen Steuerfunktion und operativen Einheiten sowie den Einsatz moderner Daten- und Prozesslösungen.

Verrechnungspreise bewegen sich im Spannungsfeld zwischen steuerlicher Compliance, betriebswirtschaftlicher Steuerung und zunehmender Digitalisierung. Welche Entwicklungen halten Sie für besonders richtungsweisend – und wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?

Nils Pippart: Aus meiner Sicht sind aktuell drei Entwicklungen richtungsweisend: Erstens erleben wir eine deutliche Verschiebung von einer primär dokumentationsgetriebenen hin zu einer daten- und prozessgetriebenen Verrechnungspreiswelt. Themen wie Pillar Two, Public CbCR oder erweiterte nationale Dokumentationsanforderungen führen dazu, dass Verrechnungspreise nicht mehr isoliert betrachtet werden können. Sie müssen konsistent in unterschiedliche Berichtslogiken eingebettet sein – steuerlich, betriebswirtschaftlich und zunehmend auch in externe Unternehmenskommunikation.

Zweitens gewinnt die operative Umsetzung massiv an Bedeutung. Viele fachliche Konzepte sind grundsätzlich geklärt, die eigentlichen Herausforderungen liegen aber im „Wie“: Wie lassen sich Verrechnungspreise effizient in ERP-Systemen „end to end“ abbilden? Hier sehe ich klaren Handlungsbedarf, insbesondere bei der Standardisierung und Automatisierung von Prozessen.

Drittens ist die Digitalisierung ein zentraler Enabler, aber kein Selbstzweck. Moderne Tools, Datenmodelle, analytische Ansätze und AI bieten große Chancen, Transparenz zu erhöhen und Risiken frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig erfordert ihr Einsatz ein gemeinsames Verständnis zwischen Steuerfunktion, Controlling, IT und operativen Einheiten.

In Summe bedeutet das: Unternehmen müssen Verrechnungspreise stärker als integriertes Steuerungs- und Compliance-Thema begreifen.

Wir gratulieren herzlich: Christian Danner (Boehringer Ingelheim Corporate Center GmbH) und Nils Pippart (Freudenberg) wurden zu den neuen Leitern des AWV-Arbeitskreises „Verrechnungspreise“ gewählt (v. l. n. r.).

 

Der AWV-Arbeitskreis „Verrechnungspreise“ ist seit vielen Jahren eine neutrale Plattform für den Dialog zwischen Wirtschaft, Verwaltung, Beratern und Wissenschaft. Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie künftig setzen, um diesen Austausch weiter zu stärken und praxisrelevante Impulse zu geben?

Christian Danner: Ich möchte den Fokus noch stärker auf die Entwicklung praxistauglicher und rechtssicherer Regelungen legen, die sowohl den Bedürfnissen der Unternehmen als auch den Anforderungen der Finanzverwaltung gerecht werden. Der Arbeitskreis bietet seit vielen Jahren einen geeigneten Rahmen, um unterschiedliche fachliche Perspektiven offen auszutauschen und die jeweiligen Herausforderungen besser zu verstehen. Diesen Dialog möchte ich stärken, damit die Erfahrungen aus der Praxis früh in die Ausgestaltung administrativer Vorgaben einfließen können.

Ein weiterer Schwerpunkt soll darauf liegen, Gesetzesinitiativen und regulatorische Entwicklungen noch früher zu identifizieren und qualifiziert zu kommentieren, um rechtzeitig auf mögliche Auswirkungen hinzuweisen. Ziel ist es, dem Gesetzgeber konstruktive und praxis­relevante Impulse zu geben, die die Anwendung der Verrechnungspreise im Alltag erleichtern und Rechtssicherheit fördern.

Mit Ihrer Wahl übernehmen Sie Verantwortung für die strategische Ausrichtung des Arbeitskreises. Welche konkreten Themen oder Formate möchten Sie in der kommenden Amtszeit voranbringen?

Nils Pippart: Zunächst ist mir wichtig festzuhalten: Der Arbeitskreis „Verrechnungspreise“ ist bereits ein intakter, sehr lebendiger und fachlich anerkannter Arbeitskreis. In den vergangenen Jahren haben wir uns thematisch bewusst weiterentwickelt und mit der Gründung des Unterarbeitskreises Operational Transfer Pricing sowie der alle zwei Jahre stattfindenden AWV‑Fachtagung Verrechnungspreise tragfähige und sehr gut angenommene Formate etabliert.

Gleichzeitig eröffnen sich neue Perspektiven durch die institutionelle Verankerung der AWV im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Die AWV versteht sich als Netzwerk für Digitalisierung, Bürokratieentlastung und praxisnahe Modernisierung staatlicher Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund halte ich es für sinnvoll, Instrumente wie die in der Modernisierungsagenda der Bundesregierung vorgesehenen Praxischecks stärker in unsere Arbeit einzubeziehen. Ziel der Praxischecks ist es, rechtliche Vorgaben aus Sicht ihrer Anwenderinnen und Anwender auf Umsetzbarkeit, Aufwand und Verständlichkeit zu überprüfen. Diesen Ansatz möchten wir aufgreifen und mit konkreten, praxisorientierten Vorschlägen mitgestalten.

Wenn Sie drei Jahre in die Zukunft schauen: Woran würden Sie erkennen, dass der Arbeitskreis „Verrechnungspreise“ erfolgreich war? Welche Wirkung soll von Ihrer gemeinsamen Leitung ausgehen – fachlich und im Dialog zwischen Wirtschaft und Verwaltung? Und wie sehen Sie die weitere Zusammenarbeit mit dem Unterarbeitskreis Operational Transfer Pricing?

Christian Danner: In drei Jahren wäre der Arbeitskreis für uns dann erfolgreich, wenn er als erste Adres­se für eine praxisrelevante und zugleich fachlich fundierte Diskussionsplattform zu Verrechnungspreisen wahrgenommen wird – sowohl von Unternehmen als auch von der Finanzverwaltung. Von unserer gemeinsamen Leitung wünschen wir uns vor allem zwei Wirkungen: fachlich eine klare Strukturierung der zunehmend komplexen Themenlandschaft und einen Fokus auf die wirklich relevanten Praxisfragen – und im Dialog eine offene, vertrauensvolle Diskussionskultur auf Augenhöhe. Der Arbeitskreis soll eine Plattform sein, in dem unterschiedliche Perspektiven aus Wirtschaft, Verwaltung, Beratung und Wissenschaft nicht nur nebeneinanderstehen, sondern bewusst zusammengeführt werden.

Nils Pippart: Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die enge Zusammenarbeit mit dem Unterarbeitskreis Operational Transfer Pricing. Viele Herausforderungen liegen weniger im „Ob“ als im „Wie“ der Umsetzung. Die operative Expertise des Unterarbeitskreises ergänzt die Arbeit des Hauptarbeitskreises ideal: operative Erfahrungen werden fachlich eingeordnet, während umgekehrt gezielte Impulse für eine vertiefte praktische Auseinandersetzung gesetzt werden. Diese Verzahnung stärkt sowohl die fachliche Qualität als auch die Praxisnähe der Arbeitskreisarbeit.

Lieber Herr Danner, lieber Herr Pippart, haben Sie herzlichen Dank für dieses Interview!

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