AWV-Logo
  • zum Verein
  • Veranstaltungen

Vernetzen. Vereinfachen. Vorausdenken.

100 Jahre AWV: Ein Jubiläumsabend im Zeichen von Vernetzung und Aufbruch

Adobe Stock / Annamorphosis

Mit einer Jubiläumsveranstaltung im Deutschen Landkreistag in Berlin hat die AWV am 9. September 2026 ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Über 100 Gäste aus Wirtschaft, Verwaltung und Drittem Sektor kamen zusammen, um auf ein Jahrhundert gemeinsamer Arbeit zurückzublicken und Perspektiven für die Zukunft zu diskutieren.

Ein Jahrhundert AWV war kein Anlass für ein reines Festprogramm. Wer am 9. September in die Lennéstraße 11 gekommen war, erlebte stattdessen das, wofür die AWV seit 1926 steht: Menschen aus Verwaltung und Wirtschaft an einen Tisch zu bringen, damit aus unterschiedlichen Perspektiven gemeinsame Lösungen werden. Über 100 Gäste folgten der Einladung, darunter langjährige Weggefährtinnen und Weggefährten, ehrenamtlich Engagierte aus den Fachausschüssen und Arbeitskreisen sowie Neugierige, die die AWV erstmals aus der Nähe kennenlernen wollten.

Vom Gastgeber zum Jubiläumsimpuls


Ab 15 Uhr füllte sich der Landkreistag mit Gesprächen, Wiedersehen und ersten Begegnungen. Um 16 Uhr eröffnete Dr. Kay Ruge, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistages den offiziellen Teil und hieß die Gäste im Haus willkommen. Es folgte der Jubiläumsimpuls von AWV-Vizepräsident Dr. Christian Schulz (Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung), der einordnete, was ein Jahrhundert Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Wirtschaft bedeutet und welche Rolle die Zusammenarbeit heute und in Zukunft spielen kann. Die Fragen, die die AWV seit jeher begleiten, sind aktueller denn je: Wie wird Verwaltung effizienter? Wie werden Verfahren einfacher und schneller? Und wie bleibt der Staat handlungsfähig und schafft attraktive Standortbedingungen?

Dialoginseln: Gespräch statt Vortrag


AWV-Präsident Hans-Peter Busson (EY GmbH & Co. KG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) führte anschließend in den Kern des fachlichen Programms ein: die Dialoginseln. Bewusst hatte die AWV auf ein reines Frontalprogramm verzichtet. Stattdessen sollten offene Gespräche, unterschiedliche Blickwinkel und das Lernen aus der Praxis im Mittelpunkt stehen.

Drei Dialoginseln, zwei Runden, je 30 Minuten: Die Gäste hatten sich vorab für zwei von der drei Themen entschieden und wechselten nach der ersten Runde zur nächsten Dialoginsel. Im Stehformat, ohne Folienschlacht und ohne Protokoll, gaben die Inselgastgeberinnen und -gastgeber jeweils einen kurzen Praxisimpuls und eröffneten damit das Gespräch. 

Dialoginsel 1: Daten, Standards und Interoperabilität


Stefan Haussmann (Deutsche Bahn AG), Vorsitzender des AWV-Fachausschusses „Verwaltungsvereinfachung und Entbürokratisierung im personalwirtschaftlichen Umfeld“, und Dr. Lars Meyer-Pries (DATEV eG), Vorsitzender des AWV-Fachausschusses „Rechnungslegung und Steuern“, luden dazu ein, den Blick auf Standards zu schärfen. Ihre Ausgangsfrage lautete: Was sind Standards eigentlich, und was haben sie mit Bürokratieabbau zu tun? Ihre Antwort aus 100 Jahren Facharbeit: sehr viel. Standards der AWV entstehen aus der Praxis für die Praxis, gemeinsam statt nebeneinander, und sie schlagen Brücken zwischen unterschiedlichen Systemen, Organisationen und Zuständigkeiten.

Aus dem Fachausschuss 2 erzählte Stefan Haussmann die „Bescheinigungsstory“: Was 1987 mit der Harmonisierung von Verdienstbescheinigungen und maschinellen Vordruckmustern begann, mündete in Verfahren zum elektronischen Datenaustausch. Daraus entstanden „dicke Bretter“ wie ELStAM, die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eAU, die elektronischen Bescheinigungen für Arbeitsverwaltung, Rentenversicherung und Krankenkassen sowie der eXTra-Standard. Die Botschaft: Digitalisierung beginnt mit Standardisierung, und hinter diesen Verfahren stecken keine reinen IT-Projekte, sondern jahrelange, übergreifende Abstimmungsprozesse.

Dr. Lars Meyer-Pries spannte den Bogen für den Fachausschuss 3: von den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung und der Aufbewahrung, die sich vom Aktenschrank über Microfiches bis in die Cloud entwickelt hat, bis zum Forum elektronische Rechnung Deutschland (FeRD) und dem ZUGFeRD-Standard. Am Beispiel der E-Rechnung zeigte er den Nutzen hybrider Formate, eines offenen fachlichen Austauschs aller Stakeholder und einer neutralen Anlaufstelle mit Governance-Funktion beim Standardsetting auf.

Dialoginsel 2: Verfahren, Umsetzung und Geschwindigkeit


Wie lassen sich Genehmigungsverfahren digitalisieren und beschleunigen? Darum drehte sich die zweite Dialoginsel. Dr. Christine Brockmann (PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH), AWV-Vorständin und Co-Leiterin des AWV-Arbeitskreises 1.5 „Digitalisierung und Beschleunigung raumbezogener Genehmigungsverfahren“, und Dr. Katrin Sobania (Deutsche Industrie- und Handelskammer und Mitglied im AWV-AK 1.5) brachten Erfahrungen aus dem Genehmigungs-Arbeitskreises in die Runde und skizzierte Ergebnisse ihrer Arbeit, etwa den Vorgehensvorschlag „Entwicklung eines Plattformökosystems zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren“ vom April dieses Jahres.

Mit dem Publikum tauschten sie sich zu den zentralen Herausforderungen und den derzeitigen Lösungsansätzen aus und gingen der Frage nach, ob wir ein klares Zielbild für die wirtschaftsbezogene Verwaltungsdigitalisierung brauchen. Den Ausgangspunkt für den Austausch bildeten die von den Moderatorinnen skizzierten Herausforderungen der Verwaltungsmodernisierung: Eine moderne, leistungsfähige Verwaltung ist ein wichtiger Standortfaktor. Gleichzeitig wird die Wirtschaft als intensiver Nutzer von Verwaltungsleistungen bislang zu wenig berücksichtigt. Kritisch gesehen wurden zudem die Konzentration der Digitalisierung auf einzelne Prozesse statt auf durchgängige Lösungen, das Fehlen konsequenter Plattformansätze sowie eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die sich bislang nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild verbinden.

Dialoginsel 3: Regeln, Vollzug und Bürokratieabbau


Die dritte Dialoginsel wurde von drei Moderatoren begleitet: Dr. Gisela Meister-Scheufelen, (AWV-Vorständin und Leiterin des Fachausschusses „Digitalisierung und Modernisierung in Wirtschaft, Verwaltung und Drittem Sektor“), Thomas Müller (vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, BMDS) und Florian Breger (IBM Deutschland GmbH und AWV-Vorstand). Sie widmeten sich der Frage, wie Regeln in der Praxis wirken. Dr. Gisela Meister-Scheufelen führte in die Thematik ein. Sie wies darauf hin, dass die AWV seit jeher Praxisstimmen in die Rechtsetzung einbringt, breit angelegt und über viele Jahre.

Thomas Müller stellte das Instrument Praxischeck vor, ein Werkzeug der Modernisierungsagenda des Bundes. Praxischecks sind im Handlungsfeld „Spürbarer Bürokratierückbau“ verankert und sollen dazu dienen, Verwaltungshandeln konsequent aus der Perspektive von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen zu betrachten. Im Prinzip funktioniert, laut Müller, ein Praxischecks so, dass an einem Tag rund 20 Praktikerinnen und Praktiker aus umsetzender Verwaltung und Unternehmen zusammenkommen und dieses Zusammentreffen von zwei bis vier Coaches moderiert wird. In getrennten Kleingruppen nehmen sie sich einen abgegrenzten Lebenssachverhalt vor und durchlaufen die Phasen Discover, Define, Design und Deliver. Am Ende steht ein Ergebnispapier mit strukturierten Handlungsempfehlungen. Praxischecks sollen künftig über alle Ressorts hinweg mehrmals im Jahr stattfinden.

Florian Breger betonte, dass gerade hier AWV-Erfahrung und BMDS-Werkzeug gut zusammenpassen und es von daher kein Zufall ist, dass das BMDS die AWV seit diesem Jahr fördere. Beide eint der Ansatz, Praxiswissen früh und konkret in die Gestaltung von Regeln einzubringen. Mit Praxischecks wird dieser Ansatz auf einen einzelnen Punkt heruntergebrochen und kurz und fokussiert bearbeitet. Ergänzend dazu begleitet die AWV Themen intensiv und langfristig. Wo weitere Synergien möglich sind, war Gegenstand der Diskussion.

Wrap-Up: Dialoginseln


Die Impulse aus den Dialoginseln griff AWV-Präsident Hans-Peter Busson in einem kurzen Wrap-up auf. Dabei wurde deutlich, wie eng die drei Themen miteinander verbunden sind: Ohne Standards keine skalierbare Digitalisierung, ohne praxistaugliche Verfahren keine schnelle Umsetzung und ohne einen konsequenten Blick auf den Vollzug kein nachhaltiger Bürokratierückbau. Für die AWV ergibt sich daraus ein klarer Auftrag, ihre Rolle als neutrale Plattform weiterzuentwickeln und Fachwissen aus unterschiedlichen Bereichen noch stärker miteinander zu verbinden.

Keynote: Was die Modernisierungsagenda bedeutet


Es folgte einer der Höhepunkt der Veranstaltung: die Keynote von Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung und Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand. Sie startete mit einem Geburtstagsständchen für die AWV und hatte so von Beginn an die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Eindrücklich führte sie vor Augen, dass Staatsmodernisierung und Bürokratieabbau nur dort gelingen, wo sich Menschen aus der Praxis einbringen. Deshalb seien die Praxischecks besonders wichtig. Mit der strategischen Partnerschaft von BMDS und AWV stünden dafür zudem die richtigen Methoden und die nötige Sachkompetenz zur Verfügung.

Besonders freute die Anwesenden die Wertschätzung, die die Staatssekretärin den engagierten AWV-Ehrenamtlern entgegenbrachte. Sie würdigte deren Arbeit und die des Vereins, indem sie hervorhob, wie wichtig dieses ehrenamtliche Engagement und Institutionen wie die AWV für die Staatsmodernisierung sind: als Orte, an denen Praxiswissen gebündelt wird, an denen Verwaltung und Wirtschaft auf Augenhöhe miteinander sprechen und an denen aus Erfahrung tragfähige Lösungen entstehen. Für die vielen Ehrenamtlichen im Saal war das ein starkes Signal, dass ihr Engagement auch in der Politik gesehen und gebraucht wird. Für die AWV war diese Einordnung Bestätigung und Ansporn zugleich. Ihre Stärke liegt darin, unterschiedliche Anforderungen und Erfahrungen aus Verwaltung, Wirtschaft und Drittem Sektor frühzeitig zusammenzuführen. So können Lösungen entstehen, die nicht nur auf dem Papier funktionieren, sondern im Alltag tragfähig sind. Genau hier liegt ein wesentlicher Beitrag der AWV zur Staatsmodernisierung: als neutraler Arbeitsraum, in dem Fachwissen, Praxiserfahrung und Umsetzungsorientierung zusammenkommen.

Handlungsfähigkeit entscheidet


Den inhaltlichen Schlusspunkt setzte Cornelia Gottbehüt von der EY GmbH & Co. KG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Unter der Überschrift „Handlungsfähigkeit entscheidet“ machte sie deutlich, warum ein moderner und leistungsfähiger Staat die Grundlage für Demokratie, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. 

Fünf Merkmale benannte sie, die einen leistungsfähigen Staat ausmachen: eine konsequente Digitalisierung, den strategischen Einsatz von Datenautomatisierung und KI, Tempo und Leistungsstärke sowie Resilienz und Sichtbarkeit im Sinne von Vertrauen durch sichtbare Ergebnisse schaffen und eine erfolgreiche Transformation durch Kooperation über Bundesländer, Verwaltungsebenen Wirtschaft und Wissenschaft hinweg.

Ihr Beitrag verband den Blick auf die Impulse des Abends mit der Frage nach den Prioritäten der Zukunft.

MachBar: Der Abend nach dem Programm


Ab 18:30 Uhr wechselten die Gäste zu Fingerfood und Get-together an die MachBar. Dort wurden Ideen weitergedacht, Kontakte vertieft und Geschichten aus der Facharbeit ausgetauscht. Gerade hier zeigte sich, was die AWV ausmacht und wie Vernetzung dazu beiträgt, tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Dank und Ausblick


Hans-Peter Busson richtete am Ende seinen herzlichen Dank an alle Rednerinnen und Redner für ihre exzellenten Beiträge, an die Gäste für ihr großes Interesse und ihre Impulse und an alle, die zum Gelingen dieser besonderen Veranstaltung beigetragen haben. Ein besonderes Dankeschön ging an den Gastgeber Dr. Kay Ruge.

Die Jubiläumsveranstaltung war eine Würdigung aller, die die AWV in den vergangenen Jahrzehnten mit Wissen, Erfahrung und Zeit getragen haben. Im Rahmen der Feier zeigte sich nicht zuletzt, wie aktuell die Themen der AWV geblieben sind. Die Impulse des Abends fließen nun in die weitere Arbeit der AWV und deren Bestreben, Bürokratierückbau und Modernisierung weiter zu fördern, ein. Wir freuen uns auf die nächsten 100 Jahre des Vernetzens, Vereinfachens und Vorausdenkens!

Nach oben