Künstliche Intelligenz − eine Investition in die Zukunft!

AWV-Interview mit Jörg Bienert, Präsident des Bundesverbandes Künstliche Intelligenz e.V., Berlin

Herr Bienert, wir danken Ihnen für die Bereitschaft zu diesem Interview. Der Begriff der Künstlichen Intelligenz (KI) ist inzwischen zu einem technischen Schlagwort geworden, das in aller Munde ist. Zunächst einmal ganz allgemein: Was verstehen Sie unter Künstlicher Intelligenz, kurz KI?

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ wurde bereits im Jahr ­1956 von einem Wissenschaftlerteam in den USA geprägt und beschreibt generell Computersysteme, die in Teilbereichen die Intelligenz des Menschen nachbilden. Die ersten hohen Erwartungen wurden allerdings schnell enttäuscht, vor allem weil die Computer damals noch nicht leistungsfähig genug waren, und es folgte ein Jahrzehnte dauernder ­„AI“-Winter. Um 2000 wurde dann der Bereich des Machine-Learning, eine Unterkategorie der KI, wieder populärer. Im Jahr 2012 gab es dann den Durchbruch beim ­Deep-Learning, eine von vielen Methoden des Machine-Learning, als zum ersten Mal ein neuronales Netz einen wichtigen Wettbewerb im Bereich der Bilderkennung gewonnen hat.

Sie sind Präsident des Bundesverbandes Künstliche Intelligenz, der sich im März 2018 gegründet hat. Was sind die Ziele des Verbandes und wie möchten Sie diese umsetzen?
Wir haben den Verband gegründet zu einem Zeitpunkt, als das Thema KI noch nicht so präsent in der Öffentlichkeit und Politik war mit der Intention, KI in Deutschland nach vorne zu bringen. KI wird eine Menge neue IT-Anwendungen ermöglichen, die in viele Bereiche der Wirtschaft und auch des Privatlebens vordringen werden. Dabei hat KI das Potential, bestehende Prozesse in der Wirtschaft disruptiv zu verändern und vollkommen neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das autonome Fahren. Damit wird KI zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und zu einer strategischen Komponente im internationalen Wettbewerb. Um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten ist es daher notwendig, das notwendige KI-Know-how auszubauen und die Umsetzungskompetenz zu stärken. Hier will der KI-Verband unterstützen und mit seinen mehr als 120 ­Mitgliedsunternehmen helfen, neueste Forschungsergebnisse in Services, Produkte und neue Geschäftsmodelle umzusetzen. Gleichzeitig beteiligen wir uns an der Diskussion um die gesellschaftlichen Auswirkungen und ethischen Fragestellungen rund um KI, denn es ist wichtig, diese mit einem Verständnis über technische Möglichkeiten und Grenzen zu begleiten und nicht zu sehr von aus der Science Fiction abgeleiteten Visionen dominieren zu lassen.

Behördengänge sind zeitintensiv und deshalb ärgerlich. Viele dieser Behördengänge lassen sich vermeiden, bspw. durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Wo sehen Sie Chancen für KI-gestützte Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung?
Viele Prozesse in der Verwaltung lassen sich durch Digitalisierung optimieren, effizienter und vor allem für den Bürger komfortabler gestalten. KI kann hier als eine Komponente der Digitalisierungsaktivitäten, helfen Abläufe zu vereinfachen und für den Bürger zu beschleunigen, z. B. durch die automatische Analyse von Dokumenten und die Optimierung von Benutzerschnittstellen.

Ein Ziel der im November ­2018 von der Bundesregierung verabschiedeten KI-Strategie ist auch dem Datenschutz gewidmet. Was bedeuten die Anforderungen der Datenschutzgrundverordnung, wie beispielsweise die der Transparenzpflicht, für die zukünftige Entwicklung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz?
Die DSGVO ist in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens sehr sinnvoll. Sie kann aber für den Aufbau von KI-Systemen hinderlich sein. So müssen Videodaten aus dem Fahrzeug vor der Verwendung zum Training von Systemen des autonomen Fahrens erst anonymisiert werden. Obwohl die Risiken für den Missbrauch von persönlichen Daten äußerst gering sind, fällt hierfür ein zusätzlicher hoher Aufwand an, der in anderen Nationen nicht erforderlich ist und zu Wettbewerbsnachteilen führen kann. Im Bereich der Medizin könnten enorme Fortschritte erzielt werden, wenn viele Patientendaten, auch in anonymisierter Form, zur Auswertung bereit stehen würden. Ich glaube, wir sollten in diesen Bereichen zunächst die Chancen sehen und dann die Risiken im Bezug auf die Verletzung von Persönichkeitsrechten gegenüberstellen.

Im Rahmen der KI-Strategie soll auch die Anwendung von KI in der Wirtschaft gefördert werden. Wie wird Künstliche Intelligenz heutzutage bereits in der Wirtschaft eingesetzt? Welches Potential sehen Sie bei kleineren und mittleren Unternehmen?
KI wird bereits vielfältig in der Wirtschaft eingesetzt, z. B. für Bildverarbeitung, die Verarbeitung von Sprache und viele weiteren Anwendungen. Es gibt auch einige mittelständische Unternehmen, die in der Anwendung von KI sehr fortgeschritten agieren. Viele andere Unternehmen haben sich allerdings noch nicht intensiv mit KI auseinandergesetzt. Dies kann unterschiedliche Gründe haben, z. B. dass die Unternehmen erst einmal ihren eigenen Datenhaushalt in Ordnung bringen müssen oder nicht ausreichend Data Scientists finden.

Die intensive Nutzung von Daten ist längst zu einer unerlässlichen Praxis geworden, etwa wenn es um sprachverstehende Systeme (wie Siri, Cortona und Alexa) oder autonomes Fahren geht. Kann es Ihrer Meinung nach eine neutrale Nutzung von KI-gestützten Anwendungen geben oder sollten Nutzer stärker sensibilisiert werden, zum Beispiel durch eine Art TÜV, der eine Offenlegung der Algorithmen beinhaltet?
Das ist nicht nur ein Thema von KI, sondern von Datennutzung, Kommunikation etc. im Allgemeinen. Bei Alexa findet KI lediglich in der Umwandlung von gesprochener Sprache in Text, und zurück, statt. Zusätzlich gibt es ein Modul, dass den Text in eine Anfrage übersetzt. Die Interpretation und Verarbeitung der Befehle erfolgt über klassische regelbasierte Systeme. Die Frage ist also weniger „Was macht KI?“ sondern „Stelle ich ein Mikrofon in mein Zimmer, dass ständig Aufnahmen zu Amazon schickt?“. Eine Offenlegung von Algorithmen ist an dieser Stelle schwierig, da genau hierin der Wert einer Applikation und des Geschäftsmodells eines Unternehmens liegt. Es ist viel wichtiger, die Bevölkerung über die Funktionsweise der Technologie aufzuklären und auf die Risiken hinzuweisen. Deshalb haben wir vom KI-Verband u. a. gefordert, dass Informatik und Medienkompetenz schon ab der dritten Klasse zum Pflichtprogramm an der Schule gehören. Junge Menschen müssen eine Ausbildung für die digitalisierte Welt erhalten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Frage nach den Veränderungen und der Reichweite von künstlicher Intelligenz als Mittelpunkt des Wissenschaftsjahres ­2019 erklärt. Wie beurteilen Sie den aktuellen Forschungsstand zum Thema Künstliche Intelligenz in Deutschland? Was versprechen Sie sich von dem Wissenschaftsjahr?
In Deutschland gibt es eine lange Historie und eine breite Basis im Bereich der KI-Forschung. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz ist eines der größten KI-Forschungszentren der Welt. Eine der wichtigsten KI-Technologien wurde an der TU München vom Forscherteam um Professor Schmidhuber erfunden, und es gibt viele weitere Beispiele. Seit ungefähr sechs ­Jahren hat die Forschung und die Anwendung im Bereich Deep-Learning eine sehr große Dynamik bekommen, die allerdings hauptsächlich in den USA/Kanada und jetzt auch in China stattfindet. In den USA fließen hohe Summen in die Forschung, sowohl von der öffentlichen Hand als auch von den großen Internetkonzernen. Deutsche Forscher werden mit attraktiven Konditionen abgeworben, und Amazon, Google, Microsoft etc. eröffnen Forschungszentren in Deutschland. Um die Forschung in Deutschland zu stärken, muss an vielen Stellen investiert werden. So sollen, laut KI-Strategie der Bundesregierung, 100 ­neue Professuren geschaffen und mehr Data Scientists ausgebildet werden. Ein wichtiger Punkt ist aber auch ein verbesserter Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft. Hier kommen die KI-Start-ups ins Spiel, die in der Lage sind, aktuellste Erkenntnisse schnell in Produkte und neue Geschäftsmodelle zu transferieren.

Welche Entwicklung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz finden Sie in den nächsten fünf Jahren am spannendsten?
Ein wesentliche Herausforderung bei KI-Projekten ist die Verfügbarkeit von einer ausreichenden Menge und Qualität von Daten. Neue Forschungsergebnisse für KI-Systeme auf Basis von kleineren Datenmengen werden eine Reihe von neuartigen Anwendungsbereich ermöglichen. Im Bereich Deep-Learning wird es eine Reihe von neuen Entwicklungen zu Netzarchitekturen und besseren Erkennungsraten geben. Aber vor allem in der weiteren Anwendung von bestehenden Technologien liegt noch enorm viel Potential. KI wird zunehmend in unseren Alltag und unsere Arbeitswelt dringen. Prominente Beispiele hierfür sind das autonome Fahren, die Sprachverarbeitung sowie das automatische Verarbeiten von Dokumenten und unstrukturierten Informationen.

Veröffentlicht am 5.02.2019/ Foto: Fotolia, ipopba